Mit Musik gegen Antisemitismus

Ein ausgesprochen gutes Projekt gegen Antisemitismus konnte ich heute an der Kooperativen Gesamtschule in Erfurt begleiten und wir werden es in der kommenden Woche am Königin Luise Gymnasium fortsetzen. Vier Musik-Studentinnen aus Weimar haben dabei drei Musikstücke aufgeführt und dies mit einem ersten Hintergrund. Die Musik wurde von drei jüdischen Künstlern komponiert, die im Holocaust ermordet wurden.

Die Initiatorin des Projekt Eilleen Sprock hatte mich vor einigen Wochen kontaktiert und von ihrem Vorhaben berichtet. Sie hat mich gebeten, es zu unterstützen. Sehr gerne habe ich zugesagt, dazu auch den inhaltlichen Teil, also einführendes Grußwort und die anschließende Diskussion mit den rund 50 Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften der KGS zu gestalten. Seit 2001 habe ich immer wieder die Schirmherrschaft über Denktagprojekte der KAS und Zeitzeugengespräche übernommen. Das jetzige Konzept des Gedenkens und der inhaltlichen Diskussion über Antisemitismus setzt diese Idee fort. Ich bin sehr froh, dass es junge Menschen wie Eileen Sprock gibt, die sich Gedanken machen, wie Schülerinnen und Schüler erreicht werden können und zudem das Gedenken an die Opfer des Holocaust wach gehalten werden kann. Nachfolgend meine heutigen einführenden Worte:

“6 Millionen Juden wurden im Holocaust von den Nazis ermordet. Die Erinnerung an sie wach zu halten, ist für uns alle eine Verpflichtung. Drei von ihnen haben wir heute besonders im Blick und ich bin sehr dankbar dafür, dass wir dies auch hier an der KGS in Erfurt tun können.

Heute Abend ist die Eröffnung der 34. Tage der Jüdisch-Israelischen Kultur in Thüringen. Dabei geht es darum in 80 Veranstaltungen jüdisches Leben am Beispiel jüdisch-israelischer Kultur sichtbar zu machen.

Beim heutigen Konzert von Eileen Sprock, Seohyun Lee, Valerie Hartling und Emelie Steinmetz geht es darum, jüdische Kultur und Kunst zu bewahren und die Erinnerung an die Künstler wach zu halten.

Beides ist wichtig und deshalb unterstütze ich das Projekt von Eileen Sprock ebenso gerne, wie die Jüdisch-Israelischen Kulturtage. Ich tue dies in meiner Funktion als Beauftragter der Landesregierung für jüdisches Leben und die Bekämpfung des Antisemitismus in Thüringen.

Die Musikstücke von Pavel Haas, Erwin Schulhoff und Viktor Ullmann haben etwas Gemeinsames. Sie entstanden, kurz bevor und während die Künstler schon in Konzentrationslagern bzw. im Ghetto Theresienstadt waren.

Es gab viele jüdische Künstler, die währen der Zeit des Holocaust tätig waren. Es entstanden Bücher, Musikstücke und Bilder. Die Motivation war für sie unterschiedlich. Es gab Künstler, die darin ein Mittel sahen, sich der Unterdrückung durch die Nazis zu widersetzen. Das Schaffen von Kunst und auch ihre Aufbewahrung fand meist heimlich und unter Lebensgefahr statt. Es wurden damit aber auch Momente der Menschlichkeit und des jüdischen Glaubens in den Ghettos und Konzentrationslagern dokumentiert. Die Musik und die Bilder waren somit auch ein Zeugnis des Kampfes der Juden, um die Wahrung ihrer Würde, Identität und Kultur.

Neben dem bekanntesten Beispiel, dem „Tagebuch der Anne Frank“ und der Musik der drei Künstler die heute gespielt werden, möchte ich noch einen weiteren Bezug herstellen. Zwei der Künstler – Pavel Haas und Victor Ullmann – waren im Getto Theresienstadt/Terezin. In Theresienstadt fand scheinbar ein normales Leben statt, es wurde sogar musiziert und komponiert – unter anderem die sehr bekannte Kinderoper Brundibar. Aber dies war nur eine von den Nazis konstruierte Idylle.

Die kleine Stadt, war ein Ghetto, welches die Nazis als Vorzeigestadt für das Internationale Rote Kreuz konstruiert hatten. Viele Familien und insgesamt 11.000 Kinder waren in Theresienstadt. Nur 100 jüdische Kinder überlebten den Holocaust. Wie ihre Eltern wurden fast alle Menschen aus Theresienstadt am Ende des 2. Weltkrieges von den Nazis in Vernichtungslager, zumeist Auschwitz, deportiert und dort umgebracht.

Drei der Mädchen von Theresienstadt konnte ich vor 24 Jahren kennenlernen und mit ihnen eine Projektwoche an Erfurter Schulen durchführen. Helga Weissova, Eva Landová-Merová und Eva Hermanova waren drei der überlebenden Mädchen aus Theresienstadt und sie berichteten damals als Zeitzeuginnen sehr eindrücklich. Ein Buch mit vielen Zeichnungen und Bildern von Helga Weissova, mit dem Titel “Zeichne, was Du siehst” (so hat es ihr Vater ihr gesagt) habe ich heute mitgebracht. 12-14jährige jüdische Mädchen wurden im in Theresienstadt in einem Mädchenheim betreut und nur wenige überlebten das Ghetto und die anschließenden Transporte nach Auschwitz-Birkenau. Sie waren die Mädchen von Zimmer 28. Über ihre Geschichte gibt es ein Theaterstück und ein Buch.

Die beiden tschechischen Komponisten Pavel Haas und Victor Ullmann waren im Ghetto Theresienstadt interniert. Hier schufen sie einige ihrer wichtigsten Werke (von denen leider nur wenige erhalten geblieben sind) und nahmen Teil am musikalischen Leben – bis sie am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht wurden. Erwin Schulhoff seine Musik war schon 1935 verboten. Er ging 1939 in die Sowjetunion. Nach der Besetzung von Teilen der Sowjetunion wurden Juden auch von dort nach Theresienstadt, oder wie Erwin Schulhoff auf der Festung Würzburg deportiert. Auch er erlebte das Kriegsende und die Befreiung nicht mehr.”

Gespielt wurde:

Pavel Haas Streichquartett No.1

Erwin Schulhoff 5. Stücke für Streichquartett (Nr.3&4)

Viktor Ullmann Quartett Nr.3 (Largo)

Bilder von der Veranstaltung

      

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