Erfurt hatte im Gedenken an seine ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger Viele Jahre auf das Denknadelprojekt gesetzt. Insgesamt neun Denknadeln gibt es im Stadtgebiet – zwischen 2009 bis 2013 wurden sie gesetzt. Ich kann mich gut daran erinnern, weil ich bei allen dabei war.
2023 haben der Arbeitskreis Erfurt Gedenken und die Stadt entschieden, künftig auf die Stolpersteine zurückzugreifen, wie es viele Orte in Europa tun. Vor zwei Jahren, Anfang Juni 2024 im Rahmen des Katholikentages, wurde der erste Stolperstein in Erfurt verlegt. Heute kamen der 28. für Herbert Frank und der 29. für Ingeburg Geißler hinzu.
Michael Siegel in Marbach und ich in der Klausnerstraße haben die Patenschaft dafür übernommen. Danke der Initiative Stolpersteine für Erfurt für das Engagement. Im November folgen schon die nächsten Stolpersteine. Ich habe bei der Verlegung heute die Biografie von Herbert Frank vorgetragen und an sein Leben erinnert:
Herbert Frank wurde am 12. Januar 1912 in Nürnberg in eine jüdische Familie geboren. Er war das zweite Kind von Siegfried und Selma Frank (auch Sara, geb. Altbaier), seine ältere Schwester Lina war am 14. Mai 1909 geboren und noch am selben Tag verstorben. 1918 verlor Herbert seine Mutter, die im Alter von nur 37 Jahren verstarb. Herberts Vater Siegfried Frank, der von Beruf kaufmännischer Vertreter war, ging später eine neue Beziehung mit Margarete Johanna Delle ein. 1920 kam ihr gemeinsamer Sohn Helmut Frank zur Welt, Herberts Halbbruder. Siegfried Frank verstarb am 23. November 1933 im Alter von 53 Jahren; die Ursache seines Todes ist nicht bekannt.
Im Sommer 1927, im Alter von 15 Jahren, verließ Herbert Frank seine Heimatstadt Nürnberg und zog in das rund 400 Kilometer entfernte Ahlen bei Hannover. Dort besuchte er die im Jahr 1893 gegründete Israelitische Gartenbauschule, eine überregionale und internatsmäßige Bildungseinrichtung, die jüdische Jugendliche im Gartenbau und anderen Handwerksberufen ausbildete. Dort erlernte Herbert Frank den Beruf des Landschaftsgärtners. Nach dem Abschluss seiner Ausbildung kehrte er kurzzeitig nach Nürnberg zurück, bevor er im Herbst 1930 nach Erfurt zog. Hier fand er eine Anstellung im renommierten Gartenbauunternehmen Benary. Während dieser Zeit lernte er die zwei Jahre jüngere Elfriede Eilert kennen, die als kaufmännische Angestellte ebenfalls bei der Firma Benary arbeitete.
Die beiden verliebten sich und heirateten. Im Juli 1932 kam ihre Tochter Ingeburg zur Welt. Im Oktober 1933 verwirklichte Herbert Frank mit seiner jungen Familie den Plan, in das britische Mandatsgebiet Palästina auszuwandern, um dort ein neues Leben zu beginnen. Bereits während seiner Ausbildung in Ahlen war er darauf vorbereitet worden, dort als Gärtner zu arbeiten. Da Ingeburg das Klima und die Ernährungsumstellung als Kleinkind nicht vertrug und erkrankte, kehrte die Familie jedoch nach nur zwei Monaten nach Erfurt zurück – und das, obwohl antisemitische Gewalt und staatliche Repressionen gegen Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zum gesellschaftlichen Alltag gehörten.
Der Verfolgungsdruck der Nationalsozialisten betraf die Familie existentiell. Herbert Frank fand nur selten eine bezahlte Arbeit, sodass die Familie oft allein auf das Einkommen der Mutter angewiesen war. Um die Tochter, die von den Nationalsozialisten als „Halbjüdin“ angesehen wurde, vor der zunehmenden Verfolgung zu schützen, ließ sich Herbert Frank 1938 von seiner nicht-jüdischen Frau Elfriede scheiden und bereitete seine Ausreise aus Deutschland vor. Er plante, sich in Shanghai eine neue Existenz aufzubauen und dann Elfriede mit der Tochter Ingeburg nachzuholen. In Folge des Novemberpogroms 1938 wurde er jedoch verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Da er seine Ausreise bereits vor seiner Haft vorbereitet hatte, entließ ihn die SS nach zwei Wochen aus dem Lager. Im Dezember 1938 verließ er Erfurt in Richtung Berlin. Die Kraft, sich persönlich von seiner Tochter zu verabschieden, fand er nicht. Zu schmerzhaft war für ihn dieser Abschied, wie er in einem Brief an Ingeburg schrieb. Von Berlin trat er Anfang 1939 die lange Reise nach Shanghai an.
Bis Ende 1939 stand Herbert Frank mit Elfriede und seiner Tochter Ingeburg in Briefkontakt. Er hatte Glück, dass er aufgrund seiner handwerklichen Ausbildung schnell wieder eine Stelle als Landschaftsgärtner finden konnte. Der Plan, seine Familie zu sich zu holen, war jedoch durch den Kriegsausbruch unmöglich gemacht worden. Um ihre Tochter zu schützen, gab Elfriede Ingeburg zu ihrer Tante und ihrem Onkel nach Marbach und arbeitete fortan in Magdeburg. Die beiden Verwandten versuchten alles, um das Mädchen vor der antisemitischen Ausgrenzung zu schützen. Doch vor der Deportation, zu der Ingeburg Frank im Januar 1945 bei ihnen abgeholt wurde, konnten sie das Mädchen nicht retten. Das zwölfjährige Mädchen wurde ohne einen Angehörigen zusammen mit weiteren Jüdinnen und Juden aus Erfurt nach Theresienstadt verschleppt. Sie überlebte die menschenverachtenden Bedingungen des Lagers und kehrte nach Kriegsende nach Erfurt zurück.
Herbert Frank lebte bis zum Kriegsende in Shanghai. Dort waren die Lebensbedingungen für die rund 20.000 aus Europa nach China geflüchteten Jüdinnen und Juden schwer. Shanghai war insbesondere ab 1938 für jüdische Menschen mit geringem Vermögen die letzte Zufluchtsmöglichkeit und wurde häufig als Zwischenstation für eine Ausreise in die USA gesehen. Seit 1937 war die Stadt – bis auf die kolonial verwalteten britischen, französischen und amerikanischen Stadtgebiete – durch Japan besetzt. 1943 drängte das nationalsozialistische Regime das verbündete Japan dazu, die Jüdinnen und Juden in Shanghai aufgrund vermeintlicher Spionagegefahr in Lagern zu „konzentrieren“. In der Folge wurden die geflüchteten Jüdinnen und Juden in den Stadtteil Hongkou zwangsumgesiedelt. Vermutlich betraf dies auch Herbert Frank. Über sein Leben in diesem jüdischen Ghetto ist jedoch kaum etwas bekannt. Sicher ist, dass er in Shanghai eine Wiener Jüdin kennenlernte, die ebenfalls vor den Nationalsozialisten nach China geflohen war. Die beiden verliebten sich, heirateten und bekamen 1947 einen Sohn. Dann gelang ihnen die Ausreise in die USA. Dort lebten sie in Kalifornien, wieder fand Herbert Frank eine Anstellung als Gärtner, später machte er sich selbstständig. Zu seiner Tochter Ingeburg stand Herbert Frank vermutlich ab Ende 1947 wieder in Briefkontakt. Eine dauerhafte Rückkehr nach Deutschland war für ihn jedoch ausgeschlossen. Ingeburg blieb mit ihrer Mutter und wuchs in der DDR auf. Mehrmals besuchte er sie dort. Nach der politischen Wende reiste Ingeburg, inzwischen verheiratet und Mutter eines Sohnes, in den 1990er Jahren mehrfach zu ihrem Vater in die USA. Am 20. Oktober 1999 verstarb Herbert Frank.
Seit dem 8. September 2026 erinnert ein STOLPERSTEIN in der Klausenerstaße 32 an Herbert Frank. Er trägt die Inschrift:
HIER WOHNTE
HERBERT FRANK
JG. 1912
´SCHUTZHAFT` 1938 KZ BUCHENWALD
ENTLASSEN
FLUCHT 1938
SHANGHAI
Bilder von der Stolpersteinverlegung