Seit 33 Jahren bin ich im Erfurter Stadtrat und habe in der Zeit zahlreiche Beigeordnetenwahlen miterlebt. Der gestrige Abend hatte zwei angesetzte Wahlen zu dem Thema auf der Tagesordnung und endete mit nur einer erfolgreichen Wahl, die zudem für reichlich Frust bei einigen Fraktionen im Stadtrat sorgte – erhebliche Nachwirkungen sind nicht ausgeschlossen.
Es gab für beide Beigeordnetenwahlen zwei Vorschläge. SPD, Linke, Grüne und Mehrwertstadt schlugen den bisherigen Amtsinhaber Matthias Bärwolff (Linke) für den Bereich Infrastruktur/Bau und Claudia Michelfeit (SPD) für Soziales vor. Der Oberbürgermeister und die CDU schlugen Philippe Wolff (SPD) und Katja Maurer (Linke) vor. Für beide Wahlvorschläge war zuvor unklar, ob und welche Mehrheiten es dafür gibt.
Die CDU hat bereits vor vielen Wochen deutlich gemacht, dass sie den Amtsinhaber Matthias Bärwolff keinesfalls unterstützen wird. Seine Bilanz fällt für uns frustrierend aus. Er hat zudem das Vertrauen der Ortsteilbürgermeister komplett verspielt. Die Angebote der CDU an das linke Lager gemeinsam einen Alternativkandidaten zu suchen und zu nominieren, wurden ausgeschlagen.
Stattdessen verkündete der neue Fraktionsvorsitzende der SPD, es gäbe eine “progressive Mehrheit” und die würde ihre Wahlvorschläge durchtragen. Allerdings votierten bei der Probeabstimmung, so hört man auf den Gängen des Rathauses, von den 28 Mitglieder dieser Wahlkooperation nur 20 für den Kandidatenvorschlag. Drei fehlten und fünf votierten dagegen. Es bleibt das Geheimnis der Kolleginnen und Kollegen, warum sie dies für eine “progressive Mehrheit” halten. Die notwendige Mehrheit (zumindest im ersten Wahlgang) liegt bei 26.
Um es mit Worten aus dem Pokerspiel zu beschreiben: sie haben geblufft, wir wollten sehen und als die Karten auf dem Tisch lagen hat es nicht gereicht. Im ersten Wahlgang erhielt Matthias Bärwolff 21 Stimmen, Philippe Wolff 19 Stimmen und es gab 10 Enthaltungen (die AfD hat 10 Stimmen). Ganz offensichtlich haben CDU, der Oberbürgermeister und sechs “Abweichler” für Wolff gestimmt.
Was danach passierte, war für mich nicht wirklich überraschend. Offensichtlich hat die AfD geschlossen im zweiten Wahlgang für Philippe Wolff votiert. Im Ergebnis war Wolff mit 29 zu 21 Stimmen gewählt und dies sorgte für zahlreiche hektisch beantragte Sitzungsunterbrechungen. Der Versuch des linken Lagers ihn davon abzubringen, seine Wahl anzunehmen, scheiterte. Es gab danach nüchterne Gratulationen, fliegende Blumensträuße und wütendes Türenknallen. Nach weiteren Beratungen, Geschäftsordnungsanträgen, Auszeiten und Erklärungsversuchen wurde die Stadtratssitzung mit 26:24 Stimmen schließlich abgebrochen. Die Sorge der Linken war groß, dass die zweite Wahl zu einem ähnlichen Ergebnis führen könnte. Egal wer von den beiden Kandidatinnen gewählt würde, auch sie müsste sich erklären, ob sie die Wahl trotz AfD-Stimmen annehmen würde.
Der Abend wird zweifellos lange in Erinnerung bleiben und Nachwirkungen haben. Gerüchten zufolge teilt sich die SPD Fraktion. Es wird einen neuen Termin zur Wahl der zweiten Beigeordneten geben. Was aber wohl am wichtigsten sein wird ist die Einsicht, dass es eben keine klaren Mehrheiten, sondern viel Abstimmungsbedarf zwischen den Fraktionen gibt. Die Empörung ist momentan groß, aber auch da rate ich zu einer etwas sachlicheren Betrachtungsweise. Ältere Stadtratskolleginnen und Kollegen können sich noch daran erinnern, mit welchen Mehrheiten Herr Bärwolff vor sechs Jahren ins Amt gewählt wurde – im zweiten Wahlgang mit 29 Stimmen. Auch er hat damals Stimmen von einer Fraktion bekommen, von der er keine Stimmen haben wollte und nur damit eine Mehrheit erreicht. Trotzdem hat er die Wahl angenommen. Aber bekanntlich ist es noch lange nicht dasselbe, wenn zwei das Gleiche tun…
Was passiert jetzt? Ich habe keinen Zweifel, dass jetzt noch einmal die große Empörungswelle auch außerhalb des Rathauses rollen wird. Demonstrationen, Kampagnen bei Social Media und Schuldzuweisungen. Die noch fehlende Beigeordnetenwahl wird sicher zur nächsten Stadtratssitzung auf die Tagesordnung gesetzt. Welche Kandidatinnen dafür vorgeschlagen werden, bzw. sich dies antun ist völlig offen.
Michael Siegel in Marbach und ich in der Klausnerstraße haben die Patenschaft dafür übernommen. Danke der Initiative Stolpersteine für Erfurt für das Engagement. Im November folgen schon die nächsten Stolpersteine. Ich habe bei der Verlegung heute die Biografie von Herbert Frank vorgetragen und an sein Leben erinnert:
Der Verfolgungsdruck der Nationalsozialisten betraf die Familie existentiell. Herbert Frank fand nur selten eine bezahlte Arbeit, sodass die Familie oft allein auf das Einkommen der Mutter angewiesen war. Um die Tochter, die von den Nationalsozialisten als „Halbjüdin“ angesehen wurde, vor der zunehmenden Verfolgung zu schützen, ließ sich Herbert Frank 1938 von seiner nicht-jüdischen Frau Elfriede scheiden und bereitete seine Ausreise aus Deutschland vor. Er plante, sich in Shanghai eine neue Existenz aufzubauen und dann Elfriede mit der Tochter Ingeburg nachzuholen. In Folge des Novemberpogroms 1938 wurde er jedoch verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Da er seine Ausreise bereits vor seiner Haft vorbereitet hatte, entließ ihn die SS nach zwei Wochen aus dem Lager. Im Dezember 1938 verließ er Erfurt in Richtung Berlin. Die Kraft, sich persönlich von seiner Tochter zu verabschieden, fand er nicht. Zu schmerzhaft war für ihn dieser Abschied, wie er in einem Brief an Ingeburg schrieb. Von Berlin trat er Anfang 1939 die lange Reise nach Shanghai an.
Auch das Datum haben wir ganz bewusst gewählt und ich habe in meinem Grußwort daran erinnert. Im Jahr 1999 wurde der Europäische Tag der jüdischen Kultur begründet. Inzwischen gibt es in 30 Ländern an diesem ersten Sonntag im September Veranstaltungen dazu. Damit werden wertvolle Beiträge geleistet, jüdische Kultur und jüdisches Leben sichtbar zu halten.