Politische Bildungsreise nach Israel 2026 – Teil 2 Tel Aviv und das Gebiet am Gazastreifen

Die Autobahn zwischen Jerusalem und Tel Aviv ist eigentlich immer – außer am Shabbat überfüllt. Insofern hatten wir Glück und mit Achmed einen guten Busfahrer und kamen am Dienstagmittag pünktlich bei der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv (AHK) an. Der Geschäftsführer Michel Weinberg hat zweifellos das Büro mit der besten Aussicht auf den Strand in Tel Aviv. Er erklärte uns den aktuellen Stand der deutsch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen und die Zukunftserwartungen. Die israelische Wirtschaft ist trotz des Krieges ausgesprochen stabil, aber die Lebenshaltungskosten und die Staatsschulden explodieren. Der Besuch bei der German-Israeli Chamber of Industry & Commerce ist immer wieder eine perfekte Übersicht zur Lage im Land.

Von der AHK zur Deutschen Botschaft in Tel Aviv zieht sich der Weg im Berufsverkehr. Gerade noch pünktlich kamen wir als erste deutsche Besuchergruppe seit Februar dort an. Oliver Trumm moderierte das Gespräch in der Botschaft.

Bei einem Gespräch mit Helena Merks, der stellvertretenden deutschen Botschafterin in Israel, informierte sich die Reisegruppe über die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation des Landes sowie die deutsch-israelischen Beziehungen. Merks ist seit 2024 in Israel tätig und schilderte die tiefgreifenden Veränderungen seit dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023.Die israelische Gesellschaft sei weiterhin stark traumatisiert und von einem Gefühl der Unsicherheit geprägt. Viele Menschen hätten das Vertrauen in die eigene Sicherheit verloren, selbst Soldaten seien durch ihre Einsätze erheblich belastet. Zugleich wachse der Wunsch nach einer Rückkehr zur Normalität, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Die drei wichtigsten Themen der israelischen Bevölkerung seien derzeit Sicherheit, steigende Lebenshaltungskosten und Wehrgerechtigkeit.

Merks berichtete auch über die innenpolitischen Spannungen und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, deren Zusammenhalt zunehmend auf die Probe gestellt werde. Die jüngsten Entwicklungen hätten zugleich neue Hoffnungen auf eine politische Stabilisierung geweckt, etwa durch das große zivile Engagement und die Friedensdemonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern.

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs waren die deutsch-israelischen Beziehungen, die durch die deutsche Unterstützung Israels, aber auch durch unterschiedliche Bewertungen des Krieges im Gazastreifen geprägt seien. Insbesondere der Genozid-Vorwurf und die deutsche Haltung dazu würden in Israel aufmerksam verfolgt. Merks wies darauf hin, dass die internationale Solidarität mit Israel deutlich nachgelassen habe, während Deutschland und die USA weiterhin als wichtige Partner wahrgenommen würden.

Noch vor dem Check-in im Hotel Metropol hatten wir unsere abendliche Gesprächsrunde mit Arye Shalicar. Es immer wieder eine Freude ihm zuzuhören und mit ihm zu diskutieren! Seit vielen Jahren bin ich mit Arye Shalicar befreundet. Gestern Abend haben wir mit ihm über die Sicherheitslage in Israel gesprochen. Danke für seine klaren Worte.

Für die ausreichende Bewegung (an keinem der Tage in Israel unter 15.000 Schritten) gab es noch Gelegenheit nach dem Abendessen. Die mehr als vier Kilometer lange Strandpromenade ist für mich immer wieder ein wunderbarer Ort. Menschen die Sport treiben, feiern und das Meer genießen – das macht für mich Tel Aviv aus.

Der Mittwoch stand ganz im Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Hamas-Massakers am 7. Oktober 2023. Der Knesset-Abgeordnete und ehemalige Minister Alon Schuster hat uns an der Aussichtsstelle Chetz schachor an der Grenze zu Gaza empfangen. Sein Großvater stammt aus Schmalkalden in Thüringen. Er wohnt mit seiner Familie im Kibbuz Mefalsim. Am 7. Oktober wurde auch sein Kibbuz von Terroristen überfallen und es gab stundenlange Kämpfe. Herzlichen Dank Alon Schuster für das gute Briefing zur aktuellen Situation an der Grenze zu Gaza. Ich habe Alon Schuster zu uns nach Thüringen eingeladen und hoffe, dass wir dann die Gespräche fortsetzen werden.

Nächste Station war der Kibbuz Beʾeri. Am 7. Oktober spielten sich dort Horrorszenen ab. Im Kibbuz Beʾeri wurden während des Terrorangriffs der Hamas 132 Menschen, darunter 101 Zivilisten und 31 Sicherheitskräfte ermordet. Zu den Ermordeten gehörten auch Frauen und Kinder, wobei Gewaltexzesse mit Brandstiftungen, Geiselnahmen, Folterungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen begangen wurden. 30 weitere Menschen wurden als Geiseln verschleppt. Ajelet Chakim hat überlebt und sich mit ihrer Familie 17 Stunden im Schutzraum ihres Hauses versteckt, bevor die Armee da war. Sie führte uns zum einzigen verbrannten und zerstörten Haus, welches als Mahnmal stehen gelassen wird. Ansonsten wird im Kibbuz viel gebaut und viele Bewohner sind zurückgekehrt. Danke für die wichtigen Worte, die uns Ajelet Chakim gesagt hat. In einem Museum, welches wir danach besuchten, wird im Kibbuz der Opfer gedacht.

Unweit vom Kibbuz Beʾeri ist das Nova-Festivalgelände. Um 6:29 Uhr am 7. Oktober 2023 begann das Morden der Hamas beim Nova-Festival nahe des Kibbuz Reʿim. 378 junge Menschen (darunter 344 Zivilisten und 34 Sicherheitskräfte) wurden getötet. 44 Besucher wurden in den Gazastreifen verschleppt. Es macht unendlich traurig, in die Gesichter der jungen Menschen in der Gedenkstätte auf dem ehemaligen Festivalgelände zu schauen und ihre unvollendeten Biographien zu lesen. Aber man liest und hört auch den Satz der Überlebenden “We will dance again” im Gedenken an ihre Freundinnen und Freunde.

Fassungslosigkeit und Trauer löste für uns auch der Besuch des Tkuma Car Graveyard aus. Das Mahnmal besteht aus über 1.500 zerstörten, verbrannten und durch Kugeln oder Sprengsätze durchlöcherten Autos, Motorrädern und Einsatzfahrzeugen auf und entlang der Route 232 und beim Nova-Musikfestival.

Noch unter dem Eindruck der Gespräche und Eindrücke des Tages fuhren wir zum Kibbuz Sereni. Dort entstand nach dem Holocaust der Kibbuz Buchenwald. Er war das erste nach dem Holocaust gegründete jüdische Selbsthilfe- und Ausbildungsprojekt für Überlebende in Deutschland. Nach ihrer Auswanderung gründeten sie in der Nähe von Tel Aviv den Kibbuz Buchenwald. Yoav Gad stellte uns gestern die Geschichte des Kibbuz, den sein Vater mitbegründet hat, vor und empfing uns ausgesprochen herzlich.

Bilder Tag 5

Bilder Tag 6, Nova-Festival-Gelände

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