Ausgesprochen herzlich wurden wir am Donnerstag an der Universität Haifa empfangen. Nach einer Einführung durch Prof. Tally Katz-Gerro, Vice President for Global Engagement, hatten wir zwei weitere Themen. Über das Thema “Teacher Education and Combating Antisemitism in the Digital Age: A Haifa–German Partnership” sprach Prof. Oren Golan.
Es folgte ein Meeting with faculty, staff, and student musicians from the Music Division. Prof. Oded Zehavi, Head of the Music Division, School of Arts, Culture and Hermeneutics und Dr. Abigail Wood, Senior Lecturer and co-organizer of the Caravan Orchestra project, haben durch die langjährige Zusammenarbeit im Rahmen des Yiddish Summer enge Beziehungen nach Thüringen. Das Caravan Orchestra konnte ich in den letzten Jahren immer wieder in Weimar und Erfurt erleben. Die Landtagsabgeordnete Ulrike Grosse-Röthig moderierte den Vormittag an der Uni und faste ihn zusammen.
An der Universität Haifa lernen heute etwa 18.000 Studierende aller Konfessionen. Die Universität stellt sich damit der Herausforderung, gesellschaftliche Spannungen auszuhalten, die vor dem Campus nicht Halt machen. Gleichzeitig ist etwa die Hälfte der Studierenden die erste Akademikergeneration ihrer Familie. Dieses Miteinander muss immer wieder erarbeitet und gepflegt werden wofür die Universität eine Reihe von beispielhaften Mechanismen etabliert hat. Wir haben das als vorbildhaft empfunden.
Gleichzeitig leidet die Universität mit ihren Exzellenzclustern stark unter den Boykottbemühungen einiger Länder, die sich kritisch mit der Gazapolitik Israels auseinandersetzen. Viele ausländische Studierende und Forschende finden nicht mehr den Weg in die hervorragenden Forschungszentren, Papiere und Forschungsergebnisse werden vor allem in europäischen Ländern nicht mehr zur Veröffentlichung angenommen.
Wir haben eine Universität erlebt, die sich mit ihrer Vielfalt um Verständigung bemüht und darum, ein friedliches Miteinander zu ermöglichen. Es wundert daher nicht, dass das Caravan Orchester, ein internationales und interreligiöses Orchesterprojekt in der Musikabteilung der Universität angesiedelt ist. Jedes Jahr kommen Musiker zusammen für eine mehrwöchige Konzertreise auch nach Weimar, Erfurt und Eisenach. Die verbindende Kraft der Musik vermag, was ansonsten so schwierig scheint, ein Miteinander der Nationen, Religionen und Professionen.
Der Bürgermeister unserer Partnerstadt Haifa Yona Yahav hat uns am Nachmittag zu einer Gesprächsrunde im Rathaus empfangen. Respekt, wie der 82jährige seit insgesamt über 17 Jahren seine Stadt führt! Gerne erinnere ich mich an unser Treffen vor zweieinhalb Jahren im März 2024 am Tag vor seinem erneuten Amtsantritt als Bürgermeister. Damals wurde er erneut als Bürgermeister gewählt, nachdem er die Stadt bereits von 2003 bis 2018 geführt hatte.
In Haifa ein wichtiges Verkehrsmittel insbesondere für die Universität – für uns ein touristischer “Blick von oben”. Die 4 km Fahrt dauert 20 Minuten. Einen tollen Blick von oben auf die deutsche Kolonie hat man von der Dachterrasse unseres Hotels Colony. Zugleich auch einen tollen Blick von unten auf die Bahai-Gärten und den Tempel, das Wahrzeichen von Haifa.
Zurück noch einmal zu den Themen aus Jerusalem führte uns das Abendgespräch mit Ben Segenreich. Der Wahlkampf ist auf der Zielgerade und in Haifa sind auch viele Plakat sichtbar im Stadtbild. Mit Ben Segenreich haben wir gestern über die Knesset-Wahlen und den Wahlkampf gesprochen. Der Wahlkampf findet inzwischen überwiegend im Netz und bei polarisierenden Fernsehsendern statt. Die Prognosen sind unsicher und es bleibt spannend bis zum kommenden Dienstag.
Der Freitag führte uns ganz hoch in den Norden. Fünf Kilometer vor der Grenze zum Libanon ist der Kibbuz Kapri. Dort lebt in einem neu gebauten Haus Yasmin Porat. Mit ihr hatten wir über zwei Stunden ein Gespräch, in denen uns ihr Bericht nachdenklich und traurig machte. Yasmin Porat, Überlebende des Nova-Musikfestival und des Massakers im Kibbuz Be’eri hat uns von den schrecklichen Stunden berichtet. Sie war mit ihrem Partner beim Musikfestival, ist in den Kibbuz Be’eri geflüchtet. Dort konnten sie sich zunächst bei einer Familie verstecken, wurden aber von den Hamas-Terroristen entdeckt und viele Stunden als Geiseln festgehalten. Als schließlich die israelische Armee anrückte, war es für fast alle Geiseln, auch den Partner von Yasmin, zu spät. Nur sie und die ältere Hausbesitzerin überlebten. Yasmin wünscht sich von uns, dass wir ihre Worte weitertragen und das werden wir tun.
Weiter ging es für uns vom Norden nach Akko. Einst von den Kreuzrittern erbaut, sind die Festungsanlagen aufwändig saniert und heute ein touristischer Hot-Spot – normalerweise. In Akko fielen aber die fehlenden Touristengruppen besonders auf. Früher waren die Marktstraßen voller Menschen, heute ist die Freude über jede Gruppe groß. Ähnlich erlebten wir auch Nazareth. Allerdings war in der Stadt mit dem Wahrzeichen der Verkündigungsbasilika reichlich Verkehrschaos. Da mag man sich nicht ausmalen, was passiert, wenn die Touristenströme zurückkommen.
Am Abend waren wir in Haifa im Restaurant Maxim. Ein schöner Abend mit gutem Essen und Getränken. Allerdings wurde es nachdenklich, als wir die Geschichte des Restaurants von Daniela hörten. 2003 sprengte sich eine palästinensische Selbstmordattentäterin mit im Restaurant in die Luft. 20 tote Menschen, darunter Kinder und Familien und 60 Verletzte waren die Schreckensbilanz. Das Restaurant wurde von Juden und Arabern gegründet und gemeinsam geführt.
Von Haifa an den See Genezareth ging es am Samstag. Rund eine Stunde Fahrt brachten uns zunächst zum Berg der Seeligpreisungen. Auf dem großen Parkplatz stehen normalerweise auch am frühen Vormittag schon viele Busse – jetzt waren es nur zwei. Dafür hatten wir den wunderschönen Garten um die moderne kleine Kirche nahezu für uns und natürlich auch die morgendliche Sicht auf den größten Binnensee des Landes.
Direkt am See Genezareth gelegen ist in Tabgha die kleine und wunderschöne Primatskapelle, Church of the Primacy of St. Peter. Auch die hatten wir allein für uns, ebenso wie die Brotvermehrungskapelle. Dort sorgten wir für große Begeisterung beim Betreiber der Granatapfel-Verkaufsstandes. 20 Becher konnte er uns für moderate 3 Euro verkaufen – sicher Tagesrekord. In Jerusalem und Akko lag der Granatapfelindex aktuell bei 5 – 6 Euro für einen Becher.
Von den sehr konkreten Auswirkungen der fehlenden Touristen berichtete uns der neue Leiter im Pilgerhaus in Tabgha. Nur 10 Prozent der Zimmer sind derzeit durchschnittlich belegt. Zugleich berichtete Sharbel Nimer Shoukry Yaqub uns von der Situation der Christen im Norden Israels und den Grenzdörfern zum Libanon. Ein besonderer Moment war es für die Gruppe, als er am Ende des Gesprächs für uns das Vaterunser in Aramäisch, die Sprache die Jesus im Alltag sprach, betete.
Entlang des Sees (zurzeit nur mit wenig Badegästen) ging es an das Südufer. Dort ist die Jordan Taufstelle Yardenit gelegen. Obwohl nicht historisch belegt, ist hier deutlich mehr los, als am historischen Ort am Jordan in der Nähe von Jericho, wo wir am Montag auf dem Weg ans Tote Meer waren. Viele Menschen, vor allem Amerikaner, nutzen lieber die die Taufstelle Yardenit. Das hat wohl auch mit der Infrastruktur und der Wasserqualität zu tun.
Unweit von Yardenit ist der Kibbuz Degania Alef gelegen. Die Tochter von Miriam Feiner, Dalia Ziv hat uns gemeinsam mit ihrer Familie im ältesten Kibbuz, der 1920 gegründet wurde, sehr herzlich empfangen. Die Familie war mehrmals in Erfurt zu Gast. Miriams Tagebuch liegt im Original in Yad Vashem. In Erfurt ist die Kindheitsgeschichte von Miriam von der LzT und der Gedenkstätte Topf & Söhne aufgearbeitet und zu einem Online-Schulprojekt entwickelt worden.
Zurück in Haifa hatten wir im Restaurant Shtroudel ein Abendessen mit Naftali Fürst. Ich hatte die Kontaktdaten des Zeitzeugen und Überlebendenden des Vernichtungslagers Auschwitz und des KZ Buchenwald, von mehreren vorangegangenen Treffen und habe ihn mit seiner mit seiner Frau zu unserem Abschlussabend eingeladen. Ich habe mit über das Wiedersehen sehr gefreut. Voriges Jahr haben wir uns in Tel Aviv getroffen und im Januar im Thüringer Landtag. Seine Worte an die Gruppe waren beeindruckend. Mit 93 Jahren ist er weltweit engagiert und als Zeitzeuge unterwegs – hoffentlich im nächsten Jahr auch wieder in Erfurt.
Den Schlusspunkt in Haifa setzten rund ein Dutzend junger Musiker des Caravan Orchestra. Vielen Dank für ein ganz wunderbares Konzert auf der Dachterrasse unseres Hotels mit Blick auf die Stadt und die Bahai-Gärten. Das Caravan Orchestra werden wir im nächsten Sommer wieder in Weimar und Erfurt erleben können. In Haifa war es ein ganz besonderes Erlebnis für uns.
Unser Abreisetag hatte glücklicherweise noch genügend Luft im Programm für einen Zwischenstopp in Caesarea. Das historische Theater, die Hafenanlagen und das Viadukt waren noch einmal ein neuer und alter Punkt. Früher haben wir oft die Gruppenreisen dort begonnen. Viele Jahre war ich nur privat dort und dieses Mal haben wir das Reiseprogramm dort beendet.
Am Flughafen Tel Aviv begegneten wir vielen Menschen, die nicht als Touristen, sondern als israelische Staatsbürger einreisten. Zu den Wahlen zwei Tage später waren laut Prognose rund 70.000 Israelis aus dem Ausland angekündigt.
Die Reise endete schließlich mit dem planmäßigen Rückflug nach Berlin und der Busfahrt zum Thüringer Landtag. 1 Uhr am Montag habe ich mich von den Mitreisenden verabschiedet.
Ein großes Dankeschön für diese einzigartige Reise geht an Danila Epstein, als Organisatorin in Israel, unsere Reiseleiterin Michal Hoffman und das Reisebüro Scuba-Reisen. Es war von all meinen Reisen die Reise mit dem dichtesten Programm. Ein herzliches Dankeschön auch an alle Mitreisenden. Ihr wart eine tolle Reisegruppe!
L’Shana Haba’ah B’Yerushalayim („nächstes Jahr in Jerusalem“).