Im April habe ich begonnen unsere sechstägige Studienreise vom 29. September bis zum 4.Oktober 2026 nach Wien zu planen und nun fand sie endlich statt!
In gut sieben Stunden kommt man von Erfurt mit der Bahn nach Wien. Am Dienstagabend waren schließlich alle 22 Teilnehmerinnen und Teilnehmer (viele aus dem Bildungsbereich, also Fachhochschulen, Uni, Staatliche Schulämter und Bibliotheken, sowie engagiert in jüdischen Projekten in Thüringen) gut in Wien angekommen und unser Studienprogramm „Jüdisches Wien“ konnte starten. Die Vorstellungsrunde konnten wir leider im Restaurant Makom nur individuell beginnen. Die Atmosphäre in dem jüdischen Restaurant (wir waren während der ganzen Reise fast nur in jüdischen oder israelischen Restaurants) war so toll und das Essen ebenfalls, dass es nur viele direkte Gespräche gab und keine Begrüßungsansprache.
Los ging das Programm dann richtig am Mittwochvormittag. Vom Hotel bis zum Parlament waren wir rund eine halbe Stunde mit den Öffis unterwegs. In Wien geht mit dem Auto oder Bus nur wenig – dafür mit den Öffis praktisch alles. Im Parlament hatten wir nach einer Führung ein sehr gutes Einstiegsgespräch in unser Thema mit David Pinchasov, dem Abteilungsleiter Dialogplattform Staat & Gesellschaft und Antisemitismusprävention. Er stellte uns unter anderem die Antisemitismusstudie, die es in Österreich seit 2018 gibt, vor. Zu dieser Studie gibt es Zusatzbefragungen auch in türkisch und arabisch. Das Parlament in Österreich ist im Bereich der Antisemitismusbekämpfung stark engagiert, davon konnten wir uns auch beim anschließenden Besuch der Ausstellung „Tacheles reden. Antisemitismus – Gefahr für die Demokratie“ überzeugen.
Im Anschluss folgte die jüdische Stadtführung durch unsere wunderbare Reiseleiterin Eidel Malowicki. Eidel ist in der jüdischen Gemeinde Wien sehr aktiv und bestens vernetzt. Rund 8.000 Juden leben in Wien. Dadurch ist jüdisches Leben erfreulicherweise überall in der Stadt – vor allem aber im 2. Bezirk sichtbar. Jugendeinrichtungen, Geschäfte, Schulen und viele Synagogen hat uns Eidel gezeigt. Höhepunkt war der Besuch, die Führung und das anschließende Gespräch im Stadttempel. 10 Monate wurde er grundlegend saniert und wir waren die erste Besuchergruppe die dort wieder zu Gast sein durfte. Binjamin Nägele, der Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) sprach mit uns über die Arbeit der Gemeinde und auch über die Kontakte in die Politik. Zum Abendessen des zweiten Tages hatten wir das Restaurant Hungry Guy gewählt.
Am Donnerstag begann unser Programm im Bundeskanzleramt mit einem Vortrag und Gespräch mit Antonio-Maria Martino, dem Leiter der Abteilung „Förderung österreichisch-jüdisches Kulturerbe und Antisemitismusbekämpfung. Mein Kollege stellte uns die Nationale Strategie gegen Antisemitismus 2.0 vor, die 49 konkrete Maßnahmen in 8 Handlungsfeldern beschreibt. In Österreich wird die IHRA-Antisemitismusdefinition per Ministerratsbeschluss explizit für Ausbildung und Qualifikationen angewandt. Rund 7 Millionen Euro stellt der Staat an finanziellen Mittel bereit – allerdings fließt das meiste Geld in den Sicherheitsbereich für die 21 Synagogen. Ich habe Herr Martino am Ende unseres Gesprächs nach Thüringen zu einem Vernetzungs- und Arbeitstreffen. Für das anschließende Mittagessen haben wir uns ganz bewusst für die MQ-Kantine im Museumsquartier entschieden. Während des ESC hatte die Chefin Lisa Wegenstein ihr Haus als ESC Fan-Cafe für die israelische Delegation und Fans bereitgestellt. Dafür wurde sie angefeindet und das Haus musste extra von der Polizei geschützt werden. Aber sie erhielt auch viel Zuspruch und Dank und genau deshalb waren wir auch dort.
Auf dem Judenplatz in Wien steht während des Laubhüttenfestes eine Sukka, die öffentlich zugänglich ist. Dort haben wir uns mit Awi Blumenfeld, dem Director of Shoa Education der Claims Conference getroffen. Er leitet zudem das Institut Jüdische Religion an der KPH Wien/Krems und lehrt auch in Tel Aviv. In klaren Worten umriss er die Perspektive für jüdisches Leben in Österreich und die Herausforderungen im Kampf gegen Antisemitismus. Ich hatte mit Awi bisher viel über soziale Medien kommuniziert und bin dankbar dafür ihn endlich live im Gespräch erlebt zu haben.
Weiter ging es mit einer Führung auf dem Wiener Zentralfriedhof und dort insbesondere der jüdische Friedhof am Tor 1. Auf dem Zentralfriedhof sind die erinnerungsorte und Gräber vieler jüdischer Menschen, die Wien geprägt haben. Zudem gibt es Gedenkgräber für die ganze Musikwelt Österreichs – Beethoven, Mozart, Schubert, Brahms, Falco, Udo Jürgens und viele andere. Unser Abendziel war schließlich das Neni am Naschmarkt (unbedingt empfehlenswert, weil sehr gute israelische Küche und tolles Ambiente).
Gleich mit drei Noodniks haben wir uns am Freitag getroffen. Das aus dem Jiddischen stammende Wort beschreibt nervige aufdringliche Personen bzw. Quälgeister und Nervensägen. Genau dies wollen die drei Studentinnen die den jüdischen Studierendenverband Jüdische österreichische Hochschüler:innen (JÖH) leiten auch sein. Der Verband hat eine lange Tradition und ist der älteste jüdische Studierendenverein. Theodor Herzl war einer der Gründungsväter. Auch die jüdischen Studenten in Österreich müssen sich mit ähnlichen Problemen rumschlagen, wie in Deutschland. Es gab ein Student Intifada Camp, es gibt Pro-palästinensische Gruppen (meist geprägt von deutschen Studenten und vielen Nichtstudierenden. Aber die JÖH halten dagegen mit einer eigenen monatlichen Zeitschrift, vielen Treffen und Aktionen wie bspw. beim ESC oder der Rosenkranz-Aktion.
Das Wiener Rathaus ist beeindruckend und ein Besuch lohnenswert. Dadurch ist es aber auch mit vielen Besuchergruppen „überbucht“ und es war gar nicht so einfach einen Weg hinein zu finden. Da wir aber ein Gespräch mit Astrid Rompolt, Antisemitismusbeauftragte, Landtagsabgeordnete und Gemeinderätin, sowie Shams Asadi, Menschenrechtsbeauftragte der Stadt Wien, hatten, öffneten sich die Türen des Rathauses. Im Anschluss an die fachlich geprägte Gesprächsrunde mit den beiden SPÖ-Politikerinnen hat uns Frau Rompolt durch das Rathaus geführt. Der Sitzungssaal und der Festsaal krönen den neugotischen Prachtbau. Das Gebäude wurde von 1872 bis 1883 von Friedrich von Schmidt erbaut und ist eines der bedeutendsten nichtkirchlichen Bauwerke im neugotischen Stil in Europa. Als „Bonus“ hat Frau Rompolt organisiert, dass wir in die Wienbibliothek des Rathauses konnten und uns dort Bücher aus der Judaica vorgestellt wurden, die bis in das 15. Jahrhundert zurückreichen.
In der Sukka am Judenplatz waren wir noch ein weiteres Mal zu Gast. Zum Essen waren wir nicht wie geplant beim LOX & Truffles Deli, sondern konnten die Laubhütte mit dem Angebot von LOX & Truffles nutzen. Daran direkt anschließend besuchten wir die Sonderausstellung „Heimatlos. Wiener Juden im Exil“ im Jüdischen Museum. Die Shoa-Namensmauer-Gedenkstätte im Ostarrichipark führte uns die Schrecken des Holocaust noch einmal besonders deutlich vor Augen. Auf langen Wänden sind die Namen von 65.000 Wiener Juden (ein Drittel, der damals in Wien lebenden 200.000) verzeichnet, die im Holocaust von den Nazis ermordet wurden.
Unser letzter Programmpunkt des Tages war der Besuch im Chabad-Zentrum JRCV in der Innenstadt. Zum gemeinsamen Shabbat-Abendessen waren wir im festlich geschmückten Saal des Zentrums. Eidel erklärte uns den Shabbat, die Gebete und die Speisen.
Der Samstag war nach dem dichtgedrängten Programm der letzten Tage dann geprägt von allem, was in Wien schön und sehenswert ist. Eine zweistündige Stadtrundfahrt nutzten wir als Gruppe noch gemeinsam und am Nachmittag, war jeder individuell unterwegs. Die Lange Nacht der Museen zog einige zu den weltbekannten Bildern von Klimmt. Mich zog es zum Hundertwasserhaus, in den Prater und ins Kriminalmuseum von Wien. Mit der individuellen Heimreise am Sonntag ging eine beeindruckende Reise in das jüdische Wien zu Ende.
Sehr gerne habe ich diese Reise organisiert und bedanke mich vor allem bei unserer Reiseleiterin Eidel Malowicki und allen Mitreisenden. Wir waren eine interessierte Gruppe, die unzählige Eindrücke und Informationen mit nach Thüringen zurückbringen konnte. Neben den regelmäßigen Israel-Reisen, könnte ich mir gut vorstellen diese Form der Studienreisen im Jahr 2027 fortzusetzen. Das jüdische Prag oder das jüdische Riga würden sich dafür anbieten.